Das Ding dieser Tage: Die Decke

Allgegenwärtig im Augsburg dieser sommerlichen Tage: große, rechteckige Stücke aus dickem, warmhaltendem Stoff. An den Badeseen vor allem bei (meist zugereisten) Großfamilien beliebt, die mit Grill, Proviant, Kinderschar, Mama, Papa, Oma und Opa anrücken. Bei Freiluftveranstaltungen bringen sie viele der Besucher mit, um es schön kuschelig zu haben und sich keinen Schnupfen zu holen. Es gibt sogar einige Cafes, die neben Sitzkissen auch Decken für ihre Gäste bereit halten. Schon lange ist mir dieses bei Augsburgern besonders ausgeprägte Wärme- und Weichsitzbedürfnis aufgefallen, so dass es unter dem Buchstaben “W” Eingang in mein ganz persönliches Augsburg-Alphabet fand.

Klar dass da auch ein Augsburger OB eine ordentliche, dicke Decke zur Hand hat. Derart gewappnet zeigten ihn gestrige Pressefotos. Ums Verhüllen statt ums Warmhalten ging es in diesem Fall. Auf der “Körperwelten-Ausstellung” rückte er mit Decke an und leistete erste Hilfe, damit Leichen beim Sex in seiner Stadt prompt unsichtbar wurden, bevor man dieses sein Ärgernis schließlich mit einem Bauzaun umgab. Das ist das zweite Paar bei der Sache, das der Ausstellungsmacher von Hagens herbeigeschafft hatte, nachdem ihm die Zurschaustellung des ersten gerichtlich versagt worden war, da Zweifel an der Einwilligungsfähigkeit des Plastinierten bestanden. Das erste Paar beim Akt war danach wie eine riesige Praline in Goldfolie verpackt worden.

Auch ich habe mir übrigens Anfang der Woche endlich die Ausstellung “Körperwelten” angesehen. Es war wohl der weiße Aufkleber “nur noch bis zum 13. September” auf dem Plakat, der mich schließlich animierte, doch noch hinzugehen und die 17 EUR Eintritt zu berappen. Erst nach dem Besuch spürte ich, dass auch zuvor von mir als bizarr und überflüssig empfundene Ideen wie Plastinate bei akrobatischer Darbeitung, beim Tangotanz oder Fußballspiel (oder eben letztendlich auch beim Geschlechtsakt) im Gesamtkonzept ihre Berechtigung haben. Ähnlich wie die zahlreichen Fotos und Zitate an den Wänden helfen sie, dem Gezeigten eine andere Dimension zu geben als der beste Medizinatlas, es lebendig zu machen, einen Bezug zum Betrachter herzustellen.

Ich hatte das Gefühl, es sei nichts an Körperlichem ausgelassen worden. Alles wird ausführlich von vielen Seiten präsentiert. Neben den imposanten Plastinaten zahlreiche Details: Der Körper mal in der Mitte aufgeklappt, mal in dicke, mal in dünnen Scheiben geschnitten, mal mit, mal ohne Organe. Einzelorgane und einzelne Knochen in gesundem und kranken Zustand, Fettleber, Schrumpfleber, Krebsmetastasen, Arthrose. Der Einsatz von Ersatzteilen wie Bypass, Herzschrittmacher, Schrauben, Platten und künstlichen Gelenken. Embryonen nach 14, 18, 20, 22 und 24 Schwangerschaftsmonaten. Dazu an den Wänden immer wieder Fakten: 96.500 km Blutgefäße, die man 2 Mal um die Erde wickeln könnte, 300-500 g Herz, 80-120 g Milz bzw. im extremen Krankheitsfall bis zu 10 kg davon, soviel besitzt ein einzelner Mensch. Und immer wieder Aufforderungen und Ratschläge, all dies Material zu Lebzeiten in gutem Zustand zu erhalten und dabei auch das Herz im wörtlichen wie im übertragenen Sinn nicht zu vergessen. Verwunderlich für mich auch immer wieder der Aspekt, was Menschen alles nach ihrem Tod so mit sich machen lassen, worüber ich immer wieder nachsinnen muss. Meine Sache wäre das nicht, dafür als Spender zu fungieren, wenn ich auch zugeben muss, dass ich von der Bereitschaft anderer dazu in diesem Fall profitierte.

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