Lab 30, Rückblick

lab30.gifEs soll ja immer noch Leute in unserer schönen Stadt geben, die das lab30 nicht kennen. Obwohl es seit Jahren immer wieder zu Ende Oktober im Kulturhaus Abraxas, Sommestrasse 30 (30!) stattfindet und in endlose Elektronächte im benachbarten JTA ausufert. Diesmal hab ich mir alle drei Tage (25. – 27.10.97) gegeben, jeweils bei eingehender Betrachtung der ausstellenden internationalen Künstler. Die Kinnladen dürfen jetzt gerne heruntergeklappt werden: das lab30 ist das einzige Elektronikkunstfestival in Süddeutschland, und es findet weder in München, noch in Stuttgart oder Karlsruhe statt. Aus meiner eigenen, höchst subjektiven Perspektive war der Gewinner nicht etwa die hauptprämierte click&glue Installation der Berlinerin Jana Linke, in welcher ein Heliumballon mit angebrachter Robotik zwischen Metallwänden umherirrt, um hier und da nach rätselhaften Algorithmen mit seiner Heissklebepistole Klebefäden durch seinen Flugraum zu spinnen, bis er schliesslich in der selben Sinnlosigkeit des Daseins angelangt ist wie normale Menschen auch. Eine schöne Allegorie. Aber völlig ent- und begeistert war ich von der Darbietung des Schweizers Christoff Hess, der als strotter inst. mit fünf mechanisch modifizierten Uralt-Plattenspielern ein analoges Industrial Ambient Set hinlegt, das die Mehrzahl der nächtlich wirkenden Digital-Klangwerker in den kontrastarmen, verpixelten Schatten stellt. Ich habe alle drei Aufführungen strotters miterlebt, heftig gejubelt, “da capo” gerufen und eine Livemitschnitt-CD erworben. Auch gut fand ich: Ralf Baeckers (Köln) “Rechnender Raum”, ein zimmerfüllender Analogcomputer aus Holzleisten, Miniplatinen und Angelschnüren, den Xenakis-Tisch (benannt nach dem stochastischen Komponisten) der Uni-Augsburg-Studenten, die damit tatsächlich ein neuartiges Musikinstrument mit erfrischend anderer Haptik zeigen konnten, Aram Bertholds (Berlin) thermodynamischer Zufalls-Leuchschirm “Random Screen”, das “PictureTubeRadio” des Berliners Matthias Fitz, wo tragbare VHF-Sender aufgestellte Röhrenfernseher zu jahrelang unterdrückten Klangausbrüchen motivieren, oder, oder, oder. Anschliessend und nach eingehender Erörterung der Kunsterlebnisse mit alten und jahrelang nicht mehr angetroffenen Bekannten verlagerte sich die Party jeweils eine Tür weiter in die Räume des Jungen Theaters Augsburg, das ja regelmässig als Ort alternativer Musikaufführungen dient. Die von Donnerstag bis Samstag performenden, in der Regel ins aufgeklappte Notebook starrenden Livemusiker konnten meine ausgesprochen lärmfesten Hör-Geschmacksanforderungen nicht überwiegend erfüllen. Im Gegenteil: bei seichtem Synthiepopgedudel von Radio-Fantasy-Niveau wie bei KiloWatts&Vaneck (USA/Belgien) musste ich trotz des erfreulich hohen Anteil an auffallend hübschen Mädels im Zuschauerraum den Saal verlassen. Aber das macht nichts. Nächstes Jahr gibt es ja wieder ein Lab30. Im Ernst, ich rechne nicht damit, dass im Frühjahr die Kommunalwahl in Augsburg mit einem Sieg des peinlichen Herrn Gribl und seiner weissblauen Schergen endet und unsere schöne Stadt daraufhin wieder in den kulturellen Winter zurücksinkt, in dem sie in der düsteren Menacher-Ära jenseits von blasser Schneewittchen-Romantik nichts erträumen konnte, was einem Ereignis wie dem Lab 30 auch nur annähernd nahekäme. Also. Wir sehn uns auf dem nächsten Lab!

8 Kommentare zu “Lab 30, Rückblick”


  1. 1 Frau Merkwürden 29. Okt 2007 um 20:06

    Jaaa – Christoph mit seinem Strotter Inst. war ganz groß!
    Für das nächste Jahr wünsch ich mir auf der musikalischen Seite mehr Elektro-Industrial. Bin da zuversichtlich, wenn ich so bedenke, was ich gehört habe…

  2. 2 volker 29. Okt 2007 um 20:12

    Strotter war das absolute Highlight. Die TG-One-Man-Revival-Show… Trotzdem wie immer ein rundum gelungenes Lab. Für nächstes Jahr wünsche ich mir schönere T-Shirts, Frau Merkwürden ;o)

    Erste Bilder vom Lab:
    http://de.zooomr.com/photos/stockwerk23/sets/24208/

    Die Paparazzi-Sektion folgt!

  3. 3 daww 31. Okt 2007 um 09:47

    @volker
    für die t shirts übernehme ich die volle verantwortung
    und verspreche hiermit das sie nächstes jahr wieder dem ästhetischen empfindungen sensibler graphiker seelen gerecht werden

  4. 4 Fotokisterl 31. Okt 2007 um 10:31

    Strotter.Inst war klasse Fritz, kein Zweifel, aber der war nicht bei der Auswahl der von uns zu prämierenden Arbeiten dabei! Und die Studenten von der Uni waren klasse, aber ich mag das Vorbild, den “Reactable” (http://www.youtube.com/watch?v=vm_FzLya8y4) lieber! Insgesamt ist das lab einfach Spitze – auch ich freu mich auf nächstes Jahr!

  5. 5 volker 31. Okt 2007 um 16:03

    Hehe :) @ daww

    Fotokisterl, wer hat denn jetzt gewonnen?
    auf der lab30-Seite ist nix zu finden…

  6. 6 Fotokisterl 31. Okt 2007 um 16:12

    @volker: eine runde Sache, eine kreative Spinnerin: Jana Linke mit Click & Glue
    http://www.lab30.de/index.php?id=82

  7. 7 jsb 1. Nov 2007 um 16:45

    schade das du nach kilowatts & vanek gegangen bist (tat ich zwar auch, aber bin wieder zurückgekommen als es vorbei war ^^). das set von andreas tilliander und die sehr geniale stunde von herrn hakan lidbo waren mitunter die highlights der soulseek clubnächte (mit einem kräftigen meiner meinung nach natürlich!)

  1. 1 ^²³ » lab30 review Pingback am 29. Okt 2007 um 20:15

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