Piraterie hat ja schon lange nichts mehr mit dem frohsinnigen Herumsegeln in karibischen Gewässern zu tun. Oder dem kurzweiligen Absingen fröhlicher Seemannsweisen. Oder ähnlichen folkloristischen Freizeitbemühungen. Piraterie ist ja heutzutage irgendwie alles, was mit einer Gebrauch einer Sache zu tun hat, der nicht direkt vom Erfinder (oder seinem geschäftlichen Vertreter) genau so vorgesehen war. Folgendes Beispiel fällt genau in diese Kategorie und verdeutlicht darüber hinaus sehr schön den aktuellen Stand unserer Republik…
Es klingelt. Ich unterbreche bereitwillig meine augenblicklich nur unzureichend motivierte Texttätigkeit und schlendere zur Sprechanlage: “Hallo?!” Eine seriös wirkende Frauenstimme bittet mich in ein zwei, wohl formulierten Sätzen, ihr per Türöffner Einlass in das Treppenhaus mit Briefkastenensemble zu gewähren, da sie Infomaterial mit sich führe. Nun wäre ich der Letzte, der einer Dame eine solche vergleichsweise kleine Bitte abschlagen könnte. Wirklich.
Beim nächsten Besuch meines persönlichen Briefkastens im Erdgeschoss finde ich die versprochenen Informationen vor. Einmal die blauweiss-gezirbelte Werbeschrift der selbsternannten “Mittelstands-Union” (a.k.a. CSU), die mich zu einem “Ja” beim nahen Bürgerentscheid auffordert, und gratis dazu eine postkartenformatige Artithmetikanleitung mit der haarsträubenden Formel: “Rot+Grün=Stau”. Rückseitig der Hinweis auf die Kommunalwahl 2008 und vier Abbildungen von durch mutmasslich häufigen Verzehr von Schweinefleischprodukten gezeichneten Herren.
Und hier kommt die Piraterie ins Spiel. Hier lässt also die “Mittelstands-Union” ihre romantische Augenklappe fallen und verzichtet auf die bunte Schärpe der Bürgerbewegung. Es geht erkennbar um die Kommunalwahl im März, der ganze Aufwand um den Königsplatz ist nur Parteiengeplänkel ohne jeden Bezug zu den Bedürfnissen des Bürgers. Der ganze Pseudo-Bürgerentscheid nur eine gekaperte Schaluppe, die den friedliche Handel in Port Augsburg zum Erliegen bringen soll. Darf ich offen sprechen? Ok, danke: Ich will euren beschissenen Tunnel unter dem Königsplatz nicht. Ich will eure beschissenen Stadtautobahnen nicht. Augsburg wird von Feinstaub-Emissionen jenseits sämtlicher gesetzlicher Grenzwerte zugepudert, und alles, was euch Dorfpolitikern dazu einfällt, sind mehr Strassen, mehr Baustellen zugunsten des Autoverkehrs, Behinderung des öffentlichen Nahverkehrs und der Radfahrer? Ich will eure beschissene, verfickte Vergangenheits-Verkehrspolitik nicht, eure Möchtegern-Unternehmensnähe, eure naiven Vorstellungen von einem Leben als Provinz-Elite. Ich will, dass Augsburg seine ungeahnte, spontane Blüte weiter erleben darf, weil nicht wie in der düsteren Ära Menacher sämtliches Geld in der Stadtkasse für sinnlose Bauprojekte und Filzveranstaltungen mit lokalen Immobilienlöwen verbraten wird, sondern für kulturelle Entwicklung zur Verfügung steht, den Tourismus aufflammen lässt und die Dornröschenstadt der Vindeliker wieder mit einem Dauerplatz in der globalen Aufmerksamkeits-Ökonomie beschenkt. Im übrigen bin ich natürlich sehr für die verfassungsmässig garantierte Meinungsfreiheit, auch für Unternehmensversteher und Verkehrsgesamtkonzept-Nichtversteher. Wie sehen uns dann am 25. November, Mateys. Yarr!




Gut gebrüllt Captain, kann ich nichts hinzufügen
Du sprichst mir aus der Seele!
Ja doch da hast Du den Nagel auf den Kopf getroffen. Also denkt alle dran “NEIN” am Sonntag anzukreuzen.
Entscheidend ist, dass unabhängig vom Ausgang des Bürgerbegehrens der ÖPNV in Augsburg schnell ausgebaut wird, damit das Jahrhundertwerk Mobilitätsdrehscheine realisiert und für Augsburg ein Quantensprung in Sachen ÖPNV erzielt werden kann!
Tja, der Zug mit dem schnellen Ausbau ist nach dem Ausgang des Bürgerentscheids jetzt abgefahren.
Alles muss erst wieder neu ausgeschrieben werden und das ganze bereits durchturnte Procedere beginnt von vorn. Im schlimmsten Fall bedeutet diese Verfahrensunterbrechung Baustopp für die Linie 6 und Verlust der Fördergelder.
Quantensprünge stelle ich mir etwas anders vor…
Aber das war mehr als der Hälfte der Abstimmenden wohl egal.